Corona-Logbuch

Wenn alles Kopf steht

Ein Text von Redaktion

3. Oktober 2020

Erst seit ein paar Monaten arbeite ich als Zahnärztin. Es forderte mich maximal heraus, als mein Chef mich im März in Kurzarbeit schickte. Er teilte das Praxisteam in zwei Gruppen ein. An drei Wochentagen war ich für eine Gruppe zuständig und musste alle Notfallpatienten, die an „meinen“ drei Wochentagen kamen, ohne seine Unterstützung behandeln. Erschwerend kam hinzu, dass auch bei uns nur unzureichend Schutzausrüstung verfügbar war.

Gerade anfangs war es sehr herausfordernd, zusammen mit meinen Patienten zu entscheiden: Welche Behandlungen sollten zeitnah durchgeführt werden und welche konnten trotz möglicher negativer gesundheitlicher Konsequenzen aufgeschoben werden? – ein zahnmedizinisches Pandemie-Konzept hatten wir da noch nicht. Was war da ein verantwortungsbewusster Weg? Wie begegne ich gut den Ängsten meiner Patienten, wo ich doch selbst meine eigenen Unsicherheiten mit mir herumtrug? Es war ebenso schwierig zu entscheiden, mit wem und wie vielen Menschen ich mich in meiner Freizeit treffen sollte im Hinblick auf meine zahlreichen Patienten und der Einsamkeit, die ich bei vielen meiner Mitmenschen wahrnahm.

Die Situation spitzte sich für mich dann ein paar Wochen später nochmals zu, als mein Chef arbeitsunfähig wurde und ich seitdem sämtliche Patienten behandeln muss.

Das war hart. In dieser Ausnahmesituation musste ich viele Entscheidungen treffen, ohne längere Erfahrung und so ein Bauchgefühl für meine Arbeit zu haben. Natürlich wollte ich keine Fehler machen, es geht schließlich ja um Menschen.

Im März und April war noch Kurzarbeit und wir haben nur Notfälle behandelt. Ab Mai haben wir wieder alle Patienten behandelt – das waren aber viel mehr, als ich schaffen konnte. So habe ich viele Überstunden gemacht, musste Patienten wegschicken und Praxen in der Umgebung haben uns ausgeholfen und Patienten übernommen. Ich hatte oft Angst davor, vor einem Patienten zu stehen und nicht weiter zu wissen, besonders in der Zeit, als mein Chef im Krankenhaus war. Ich habe die große Verantwortung sehr gespürt und das war belastend.

Immer wieder höre ich auf meinem Weg zur Arbeit das Lied „Wenn alles Kopf steht“ von SoulDevotion:

„Jeden Tag neu, brauch ich dich Herr, ich brauch dich hier.
Jeden Tag neu, bist du bei mir, du bist jetzt hier.

Wenn alles um mich Kopf steht, schau ich auf dich.
Ich brauch mich nicht zu sorgen, du sorgst für mich.

Du bist meine Hoffnung, du bist meine Freude,
Du bist mein Licht, auf dich vertraue ich
Und fürcht‘ mich nicht.
Du bist meine Stärke, du bist tiefer Friede.
Jesus, meine Zuversicht, auf dich vertraue ich
Und fürcht‘ mich nicht, ich fürcht‘ mich nicht.

Wenn Sicherheiten wanken, bist du der Fels,
Der selbst im größten Chaos 
mich sicher hält.“

Dieser Liedtext hat mich immer wieder daran erinnert, dass Gott da ist. Er hat mir Tag für Tag Kraft gegeben, Gelingen geschenkt und auch aus der komplizierten Situation Gutes entstehen lassen. Die Patienten waren gut versorgt. Dafür bin ich Gott sehr sehr dankbar. Jeden Tag neu.

Die Person ist der Redaktion bekannt.

Titelfoto: Unsplash (@jblesly)

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